Skip to content

people. handle with distance.

Es gibt, denke ich, für uns alle oftmals ganz alltägliche Situationen, vorzugsweise mit anderen Menschen, die uns immer wieder folgendes Wort in den Frontallappen treiben: „Warum?“ Der Profi nennt das dann „triggern“. Das Doofe: Diese ganz eigenen Spezialeffekte gehören uns und nur uns. Auch wenn wir in den jeweiligen Situationen unser Gegenüber verantwortlich sehen und dies auch deutlich durch unsere erzürnte Miene codieren. Die anderen sind sozusagen noch „blind“. Deutliche Betonung auf das Wort „noch“. Die wissen gar nichts von dem allumfassenden Glück, das sie zärtlich angestupst haben, auch hier „noch“. Dennoch passiert es „wiederholungsbesessen“ und dann noch regelmäßig wie der Geist der vergangenen Weihnachten, der uns mit üblem Atem von der Seite anmieft. Nicht schön. Als wäre dieser im Vorleben ein kleines Trigger-Trüffelschweinchen gewesen, wird nicht lange gesucht, aber dafür gefunden und das vielfältigst. Wir hingegen, nicht so begeistert, eher nun ja, wie kann ich es ausdrücken, ich würde sagen „geschmacklich traumatisiert“ und gleichsam von unserem Gegenüber „ekelentzückt“. Und um diese, meine geliebten Täglichbrot-Ereignisse besser und vor allem emotionaler darstellen zu können, hier einige wunderbar erzürnende und gleichsam große Fragezeichen, welche regelmäßig in meinem Kopf entstehen …

Erste Station: Warteschlangen sind ein so guter Ort zum Üben – ups, jetzt wollte ich schon „zuschlagen“ schreiben. Nein, natürlich auch hier und wie immer „viel Liebe“. Hier „trifft“ man (ja, mir ist bewusst, dass ich dieses Wort anders hätte wählen können/dürfen, upi) gleich auf eine Vielzahl von Profi-Knopfdrücklern. Erst mal die der Gattung Vordrängenden, also die, die es sichtlich eilig haben, nicht warten wollen oder können. Es sei gesagt, dass es für mich auch nicht einfach ist, weil ich selbst richtig unfassbar ungeduldig bin und einfach gar keine Lust habe auf den menschlichen Warteschlangen-Kuschelkurs und den Hauch des Wartens in meinem Nacken der Person hinter mir, sehr nahe hinter mir. Damit meine ich dann bereits die nächste Warteschlangengattung, aber dazu später.

Ich stehe also an und dann erspähen meine Äugelchen, dass sich jemand von rechts oder links anpirscht. Diese Gattung ist ja grundsätzlich schüchtern und vermeidet Augenkontakt. Und ja, wenn man ihnen selbigen aufdrängt, laufen sie weg, nur leider in Richtung Kassa und nicht aus der Warteschleife. Spricht man sie an, sind die Gründe nicht mal vielfältig, eher einfältig wie: „Heyyy, ich war schon vorher da!“ Eh klar, ich auch, letzten Dienstag, du Vollhorst. Oftmals sind es die „grauen Panther“, wie ich sie liebevoll nenne, die meinen, dass sie keine Zeit hätten. Ich versuche, die Ecke Verständnis in meinem Kopf freizuräumen und denke mir, klar, die Kollegschaft wartet bereits beim Ikea-Frühstücksbuffet mit der neuen Tupperware-Kollektion. Ich möchte an dieser Stelle sehr gerne erwähnen, dass ich null Probleme habe, jemanden, der mich FRAGT, vorzulassen. Alles gut, viel Liebe. Aber so? Nicht mit mir, ihr Zeit-Notdürftigen.

Die zweite Gattung, ich hab’s schon erwähnt, sind die „Extremkuschler“. Vorweg klar mein persönlicher Regelkatalog für den Einzelhandel: a) Die Einkaufswildnis-Welt ist kein Raum für Kontaktsportarten, b) ich werde nicht gerne „angegriffelt“, unter allen möglichen auftretenden Umständen ist das ein deutliches NEIN, und c) Einkaufswägen, Rollatoren und Ähnliches werte ich als Armverlängerung und dabei gilt wieder b). Wieso? Wieso? Ich mag es nicht, einen Einkaufswagen in meinem Hinterteil oder auf meinen Fersen zu spüren. Gleiches gilt für Atem in meinem Nacken. Alles, ich wiederhole, ein deutliches und glasklares „Nein“. Wohin wollen die denn alle sich hindrängeln oder vordrängeln? Was ist an „WARTE“-Schlange nicht verständlich? Vielleicht liegt’s ja auch am Wort Schlange und bei einigen kommen alte Schulimpro-Erinnerungen hoch und man windet sich, schlingelt sich immer weiter und weiter, bis, hurra, endlich in meinem Nacken festsitzend. Ich stehe einfach nicht auf diesen österreichischen Kassenkuschelkurs.

Gleiches gilt für mich im Auto, Gattung „Stoßstangenguckende“. Ich kann mich an eine Fahrt nach Wien erinnern. Linke Spur, Kolonnenverkehr. Die Person hinter mir, sichtlich ein großer Fan der Autolichtanlage, plus ein fieses Leiden namens „nervöser Finger“. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft mich gefühlt alle Lichter, mit denen das Auto ausgestattet war, „angeblinzelt“ haben. Anfangs etwas unangenehm, bis, ja, bis ich dann einfach meine alten Discoerfahrungen gechannelt und die Musik laut gedreht habe. So hatte ich wenigstens den Vibe von altem Spaß. Kurz bevor, so war es ja auch, neben Musik und Lichteffekt sich die erste Person hinter mir deutlich bemerkbar gemacht hat, ohne solide Vorstellungsrunde, und drängelte. Und damit war ich wieder gefangen in der Gegenwart und der Person hinter mir, noch immer mit dem fiesen Leiden.

Akte XY ungelöst in meinem persönlichen Repertoire: ebenso folgende Mitmenschen. Wann immer ich auf einen fast leeren Parkplatz einfahre oder in der ebenso leeren Umkleidekabine im Fitnessstudio bin, kommt immer jemand, der genau neben mir parkt oder das Kästchen bewohnen möchte. Wieso macht man so etwas? Vor Jahren hab ich dann mal das Mädchen neben mir im Dressingroom gefragt, ob sie sich nicht traut, mich zu fragen, ob wir Freundinnen werden. Sie könnte das ansprechen und müsste nicht das Kästchen neben mir nehmen, wo sich dann eher mal unsere Pos kennenlernen. Zum Schluss waren wir beide verwirrt, ich hab sie nie wieder gesehen oder, anders gesagt, ab dann war das Kästchen neben mir frei. Gleiche Szenen gibt es übrigens am Strand, im Freibad, im Bus, in der Straßenbahn & Co. Ich nenne diese Modellreihe liebevoll „Stalkerazubis“. Das kann ich einfach nicht verstehen. Alles ist frei. Warum genau neben mir? Bis mir dann meine Stirnfalten die Antwort liefern: Klar, da geht’s sicher um dieses „Reviermarkierersyndrom“. Da bin ich immer gesessen, also sitz ich da. Diese Stammplatzbesetzenden haben einen unmittelbaren Bezug genau zu diesem Parkplatz oder Sitzplatz in der Straßenbahn und dieser wird konsumiert, komme, was da wolle oder wer will.

Leider auch keine seltene Gattung: die „Blockenden“. Kennt ihr die? Ihr natürlicher Lebensraum ist zumeist genau mitten in den Gängen, vor Warenregalen oder mitten auf Gehwegen. Dort hängen sie gemütlich ab; man weiß nicht so genau, warum und wer sie dort abgestellt hat, aber dort sind sie. Und sie stehen, bewegen sich keinen Zentimeter weg. Vielleicht ist es ja auch genauso passiert, sie wurden von irgendwem dort abgesetzt und das Nichtbewegen resultiert aus ihrem Schock, dass sie gar nicht mehr wissen, wo sie sind, noch welcher Wochentag ist? Vielleicht bringt sie ja auch ihr Job zwischen die Regale und sie memorisieren im Zuge einer Mystery-Guesting-Analyse. Sie beobachten, was alles falsch läuft, alle Vorgänge, um sie später festhalten zu können? Wer weiß das schon? Mein Input dazu ist schlicht: „Weg da!“ Diese Art wird nur noch übertroffen von jenen Personen, die sich knacke einfach mal noch vor dich und das Regal stellen und dort verharren. Erst mal – seht ihr mich nicht? Oder bin ich im Supermarkt kurz in den Tarnmodus gewechselt und weiß gar nichts davon.

Meine persönliche und absolute Lieblingsrubrik ist die wohl sehr, sehr kinästhetisch ausgeprägte Gruppe der „Griffis“. Jene, die sich regelmäßig voller Freude, jedoch ohne im Geschäft vorliegende „Stülpis“ (= Handschuhe) und ohne Zange ans Brot- und Gebäckregal machen. Das muss auch so ’ne alte Kindheitserinnerung sein: Egal, was da vor meiner Nase liegt, erst mal gründlich und umfassend mit den Griffeln (= Finger) untersuchen. Ich habe keine Ahnung und, ehrlich gesagt, möchte ich es auch nicht wissen, wo die kleinen Flutschifinger vorher unterwegs waren. In der Nase, im Ohr, auf der Pipibox? Soll ich weiter ausführen? Und all das landet dann im Regal auf den knusperfrischen Waren des Bäckers. Auch wenn der Supermarkt-Backshop aussieht wie ’ne Wühlkiste: nein!

Eine letzte Spezies habe ich noch für heute reserviert. Es sind die „Verpeilten“. Und ich meine nicht jene, die zu viel an Froschbäuchen geleckt haben, noch die, die einen Ausflug in den Pilzschrank gemacht haben. Es sind jene, die trotz klarer Kommunikation im „zappen-duster-dunkel“ stehen. Beispiel: Meine Hündin Ella mag nicht jeden und nicht immer. Ich übrigens auch. Wenn ich merke, dass Ella einen anderen Hund partout nicht leiden kann, kommuniziere ich dies klar an die gegenüberliegende Gemeinschaft. Und anstatt sich, wie es kommuniziert, ratsam und gesellschaftlich hilfreich wäre, von mir wegzubewegen, bewegt sich mein Gegenüber NICHT von mir weg, sondern, exakt, Vollgas auf uns zu. Während ich keine Zeit habe, verwirrt zu sein, weil mein Hund zum Kugelfisch mutiert, lächelt mich das Gegenüber an mit den Worten: „Oh, wie lieb, die wollen sich kennenlernen!“ Sag mal, rappelt’s im Busch bei dir? Was verstehst du nicht? Weder mein Hund noch ich wollen das. Ich hoffe, wenn ich auch gleich zum Premium-Kugelfisch werde, wird es verständlicher? Kleiner Spoiler: Nee, wird’s nicht, wurde es nicht und wird’s auch künftig nicht.

Letztlich möchte ich festhalten, ja, das alles und, um offen zu sein, noch viel mehr triggert mich und ich versuche aus rein psychologischen und wissenschaftlichen Gründen so oft, wie mir möglich ist, diese Situationen zu erleben. Das wäre der sehr erwachsene Teil in mir. Der andere schreit lautstark: „Aber es sei euch gesagt, wenn euch Karma nicht erwischt, ich erwische euch fix, ich weiß ja, wo ich euch finde.“ Demnächst wieder vor dem Regal im Supermarkt?