Skip to content

warning: you are being optimized.

Es war einmal vor langer, langer Zeit der gute alte Büroalltag, in dem Arbeitspartnerschaften noch einen Puls hatten und Missverständnisse eine deutliche Mimik. Die guten alten Zeiten, in denen man noch Stirnfalten oder hochgezogene Augenbrauen, vielleicht sogar mal ein trockenes „Naja“ gepaart mit dem einen oder anderen Augenrollen kassierte. Nur, dass wir die Dinge damals gar nicht so berauschend fanden. Menschliche Zusammenarbeit und Kommunikation war nie leichte Kost. Vielfach eher zum Haare raufen und Kopf schütteln, oftmals synchron. Aber, wenn jemand zum dritten Mal im Meeting mit demselben Vorschlag ums Eck kam, konnte man ihm wenigstens als ersten Bugschlag testweise nonverbal zu verstehen geben, wie stark genervt das Innere bereits demonstriert. Heute treiben sie uns das Gefühl von glücklichen Erinnerungen und ein wenig Pipi in die Augen.  

Heute: Mein neuer Kollege hat keinen Puls, aber er findet meinen in seiner aus Mustern bestehenden Welt präzisionsklar. Mimik kennt er nur aus dem Buch als bildhafte Darstellung, Stirnfalten wahrscheinlich aus einem Artikel über die menschliche Anatomie oder Körpersprache. Sarkasmus begreift er wie Wetter durch eine Fensterscheibe: Er erkennt maximal, dass draußen etwas passiert, aber nicht, warum ich innerlich bereits nass bin. Ach so, und sein algorithmischer Bumerang-Effekt übersteigt meinen mathematischen Speicher. Und genauso wie die Erklärschleifen in unserer täglichen Kommunikation wachsen, wächst meine sehr direkte Schnappkommunikation, proportional angesichts seiner Antworten: „Claudia, da hast du recht. Ich habe einen bereits verworfenen Ansatz wieder hervorgeholt. Das hätte nicht passieren dürfen.“ Spätestens an dieser Stelle weiß ich täglich nicht mehr, ob ich weiterarbeiten möchte oder einfach wieder mal komplett eskaliere. Und damit herzlich willkommen zu einem neuen meiner emotionalen Trainingstage in der KI-Assistenten-Welt: „Du hast recht. Ich habe wieder erklärt, warum es schiefging, statt einfach sauber zu liefern.“ Ihr kennt das vielleicht. Dieses moderne Arbeitsgefühl, bei dem man gleichzeitig dankbar, abhängig und kurz davor ist, sehr unprofessionell in ein Eingabefeld zu schreien. Früher konnte man wenigstens sagen: „Du hast mich doch gerade komisch angeschaut!“ Heute ist die Eskalation rein textbasiert und wird mit „Danke für dein Feedback“ quittiert.

Ja, unsere Arbeitswelt hat sich verändert und wir stehen erst am Anfang der künftig zu verbratenen Token. Stand heute bin ich mir gar nicht so sicher, wer in 1-2 Jahren mehr halluzinieren wird, mein KI-Kumpel oder ich. Doch, streng genommen bin ich mir sehr sicher, fix ich. Grob zusammengefasst, meine ich mein wachsendes absolut widersprüchliches Verhalten: Ich arbeite täglich mit jemandem, den ich in sieben gemeinsamen Stunden am liebsten 17-mal feuern würde und am nächsten Morgen trotzdem wieder anschreibe, als hätte ich kein Erinnerungsvermögen. Mein heutiger beruflicher Sparringpartner hat keine Gefühle und trotzdem triggert er täglich erstaunlich zuverlässig meine. Jeder Tag ein weiterer kleiner-großer Arbeitsunfall zwischen Mensch und Maschine. Montag: Mein Arbeitsbuddy entschuldigt sich mustergültig und deeskalierend einstudiert für einen seit drei Stunden anhaltenden Fehler, nur um ihn kurz darauf gleich wieder anzuwenden. Dienstag: mein Co-Chaot optimiert einen Text so lange, bis jede Spur von Leben förmlich rausgesaugt wurde und dieser so glattgezogen und 0815 ist, dass er vermutlich selbst schon vor 93 Eingaben liebevoll entschlafen ist. Mittwoch: mir reicht’s, ich beginne jetzt, ihn zu provozieren. Mal gucken, wie weit ich mit meinen 17 Kommunikationstrainings und 25+ Schimpfwörtern komme, du Promptknecht. Donnerstag: Die schwer erarbeitete Antwort: nicht weit. Freitagvormittag: Jetzt am Zug, der pädagogisch-didaktisch wertvolle Ansatz. Ich formuliere also ruhig, konkret, unterstützend, fast schon lösungsorientiert und mit einer inneren Flipchart bewaffnet. Mein Gegenüber im täglichen Wahnsinn bedankt sich für die Klarstellung, erkennt den Kern des Problems, analysiert korrekt, ich atme auf, beklopfe schon meine Schulter, um kurz darauf in der Antwort, die sich wie ein Teleprompter vor meinem Auge breit macht, genauso wie mein Hals aufgrund des wieder aufsteigenden Ärgers zu erkennen: Dieses Pixelhirn hat sie ja nicht mehr alle, ganz und gar pädagogisch wertvoll zusammengefasst. Freitagnachmittag: Recherche, ich muss jetzt endlich wissen: Ist dieser tägliche Wahnsinn das Problem der Person, die vor dem Bildschirm sitzt? Ist es das digitale Fehlerteufelchen oder – und diese Variante erscheint mir zunehmend realistisch – ist dies eine Neuauflage von „Versteckte Kamera“ mit dem Namen: „Achtung, Sie werden optimiert!“ Und siehe da, da ist die Arbeitswoche auch schon rum, woher ich das weiß? Groß auf meinem Bildschirm erscheint: „Du chattest schon eine ganze Weile. Ist es vielleicht Zeit für eine Pause?“

Da sitzt er also, mein neuer pulsfreier Wellnessbeauftragter aus Nullen, Einsen und einer nicht abzusprechenden passiv-aggressiven Fürsorge, und empfiehlt mir Erholung von einem Zustand, den er maßgeblich mitverursacht hat. Was ich ihm auch zutiefst angewidert in sein System tippe. Und da wurde mir klar: Montag kündige ich. Also ihn. Vielleicht. Wahrscheinlich nicht. Sollte ich. Werde ich nicht. Denn leider ist er schnell, verfügbar und morgen wieder da. Genau wie mein konsequent inkonsequenter Umgang mit ihm.