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business: within guidelines.

Irgendwann, lange, lange ist es sichtlich her, hat irgendjemand begonnen, ein ganz eigenes Buch zu schreiben. Inhaltlich wich es deutlich von anderen ab, denn da fanden sich keine Geschichten, keine Beiträge, keine Reports, noch nicht mal alte Protokolle. Und obwohl es gefüllt war mit einzelnen Worten, war es auch kein Wörterbuch im herkömmlichen Sinn. Es war eine schier unübersichtliche Ansammlung von ebenso unverständlichen Begriffen. Und das Eigenwillige daran war, dass jeder Mensch diese Ausdrücke laufend, gar inflationär benutzt, dennoch verstand niemand so richtig, was eigentlich genau damit gemeint war.

Immerhin hält sich das Buch an die Struktur des Alphabets. So stolpert man sofort bei A über das Wort „authentisch“. Dies scheint nicht nur ein vager Tipp fürs Berufsleben zu sein, sondern gar ein allumfassendes Erfolgsversprechen. Die Zusage also: Wenn man so ist, wie man ist, dann öffnet sich mannaartig der Berufshimmel. Wenn ich im Lateinunterricht aufgepasst habe (nicht), dann bedeutet das wohl so viel wie „eigenhändig“, „vom Urheber selbst stammend“ oder „echt“. Ich habe Fragen: Es geht also darum, dass ich im beruflichen Kontext möglichst ICH bin. Randfrage: Wer sonst? Der Profi von heute weiß aber, dass das so nicht durch den Wahrheitsdetektor durchgeht. Denn beruflich gesehen gibt es wohl mehr Masken als Gesichter in einer Montagmorgen-Videokonferenz mit – standardmäßig – ausgeschalteter Kamera.

Es dürfte vielmehr eine Art Gütesiegel sein für: Schon echt, aber unbedingt teamfähig. Rückgrat zeigen, aber bitte lieber nur unter dicker Oberbekleidung. Meinung äußern, aber nicht so, dass sich die Kollegschaft unwohl fühlt. Haltung ist wichtig, sie sollte aber mit den Unternehmenswerten identisch sein. Proaktiv und eigenständig, aber selbstverständlich so, dass es teamkompatibel ist. Offen kommunizieren, aber nur solange sich selbige mit der Chefetage deckt. Nahbar ist wichtig, aber noch immer nicht so persönlich, dass ich wirklich, wirklich zeige, wer hinter meinem Gesicht wohnt. Sobald „authentisch sein“ unbequem wird, heißt es nicht mehr authentisch, sondern schwierig. Oder emotional. Vielfach beides. Also im Grunde: Sei du selbst, aber bitte unbedingt nur in der allgemein freigegebenen „Wir sind hier eine Familie“-Version.

Ebenso ganz vorne im Ranking: das Wort „flexibel“. Ort der Anwendung: zumeist in Bewerbungsprozessen. Da schreit es einem schon hilferufend zu in den Stelleninseraten. Nachdem keine Rettung in Sicht ist, wandert es weiter in Richtung Vorstellungsgespräch. Dort tönt die Frage: „Sind Sie flexibel?“ Und man sitzt da, bemüht nickend und gleichsam erschüttert, denn da ist sie wieder. Wie die zehn Gebote in der Bibel mit „Du sollst nicht“ beginnen, weiß der Bewerbungsprofi von heute: Du sollst nicht ehrlich antworten, halte dich ans Skript, halte dich ans Skript und antworte mantraartig: „Ja, natürlich“, als wäre gerade nach einer liebenswerten Charaktereigenschaft gefragt worden und nicht nach einem wohl nötigen Gesamtzustand, um in der Arbeitswelt zu bestehen.

Aber was ist tatsächlich gemeint? Die Tatsache, dass ich je nach Wochentag zu unterschiedlichen Zeiten zu arbeiten beginne? Also sozusagen tageweise wechselnd. Oder, dass ich doch bitte so flexibel sein soll und bei jeder nicht ganz finalen Version des Dienstplans „kurzfristigst“ einspringe? Oder, dass mein Aufgabenbereich eher so ein Fall von „Tischlein wechsel dich“ ist und ich irgendwie alles mache, aber natürlich nur in der Praxis; in der Theorie deckt sich das Papier monatlich mit dem vereinbarten Gehalt. Oder gar, dass ich höchste örtliche Flexibilität brauche, denn eines ist zumindest klar: Das Unternehmen hat viele Standorte und die sollen ja auch bespielt werden, je nachdem tage- oder wochenweise. Oder werden hier Entscheidungsprozesse benannt? Was übersetzt dann wohl so viel bedeutet wie: Alles, was bis vor fünf Minuten wichtig war, darf jetzt bitte nicht mehr erwähnt werden. Sicher bin ich mir bei der Zuschreibung nur darin, dass es bedeutet, eigene Grenzen so nachhaltig zu verschieben, dass niemand merkt, dass ich überhaupt einmal welche hatte.

Letztlich, der Business-Knochenbrecher auf Station 16 des Alphabets: das Wort „professionell“. Und wie ich gestehen muss, mein persönliches Lieblingswort. Kaum ein Wort verlässt so oft den Sprachtunnel wie dieses. Kaum ein Wort ist so tragend, so bedeutungsvoll und gleichsam so ehrfurchtgebietend leer, dass förmlich Besprechungsräume kurz aufrechter sitzen, sobald das Wort wie eine kalte Brise vorbeizieht. Es scheint so der Killersatz unter den Killersätzen zu sein, also so etwas wie ein Serienstraftäter mit wechselnden Kommunikationstatorten: Bewerbungsgespräche, Teambesprechungen, Mitarbeitendengespräche, manchmal sogar Weihnachtsfeiern. Und auch hier gilt: Ich habe Fragen, viele Fragen. Erstens: Wo ist eigentlich die Informationsstelle, die letztlich fix festlegt, was das im Berufsleben exakt bedeutet? Wer nicht professionelles Verhalten „ahndet“, weiß ich. Aber wo steht’s geschrieben? Wo ist dieser Auszug aus dem Berufsverhaltensstrafbuch und was steht da genau? Zweitens: Zu welchem Zeitpunkt wurde es weniger ein Kompetenzenkodex als ein Verhaltensregelbuch, das nirgends erhältlich ist, aber erstaunlich oft rezitiert wird? Sind wir mal ehrlich, diese elendslange Liste führt alles auf, was beruflich so im Wege stehen könnte: gut vorbereitet sein, ruhig bleiben, Schuhe tragen, keine Gefühle zeigen, höflich lächeln, nicht widersprechen, pünktlich liefern, Distanz wahren oder einfach nur so wirken, als hätte man alles im Griff. Und diese Liste hört nicht auf, Liste zu sein; täglich, gar minütlich, kommen neue Punkte dazu. Ich frage mich, ob es überhaupt auch nur einen Menschen weltweit gibt, der die Gesamtheit der Aufzählung überhaupt erfüllt. Dass das niemand erfüllen kann, ist mir sonnenklar. Ich möchte persönlich sogar einen Extraschritt gehen: Auch gar nicht möchte. Und genau dort erhält dieses seltsame Buch vermutlich auch die meisten Neuauflagen.

Und abgesehen von der sich permanent aufdrängenden Frage „Warum?“ möchte ich es gerne heute wagen und einen kleinen Kinderschuh-Schritt weitergehen. Warum haben wir angefangen, derartige Listen zu erschaffen? Und warum muss alles gefühlt immer so schwer, tragend und wichtig sein? Wo ist die Leichtigkeit, der Irrsinn, der Spaß? Wo ist das Bunte? Warum muss jede Meinung, jeder Beitrag immer 17 Fremdwörterbücher, 33 KI-Prompts, 13 Titel und 3 Doktorabschlüsse haben? Auf mich wirkt es schon lange so, als hätte man dem „Business“ eine viel zu enge Uniform angezogen, so eng, dass nur die richtig fragwürdigen Begriffe drinnen stecken bleiben, nur die Luft von „das bin ich“ hat keinen Platz mehr. Vielleicht, und ihr wisst – hey, was weiß ich schon, ich schreibe Geschichten –, ist dieses Alltagswerk ja eher eine Anleitung für ein Gesellschaftsspiel, bei dem niemand die Regeln noch die Beschreibung kennt, aber alle so tun, als hätten sie längst die Erweiterungsbox gekauft. Manche haben gar die Limited Edition vorrätig.