Man verspricht ja immer recht beiläufig, wenn es um das Thema Zielerreichung geht, dass man sich zum einen einen sehr konkreten Plan machen soll und zum anderen diesen hartnäckigst verfolgen soll. Und jetzt der wesentliche Teil: Sollte dieser dennoch nicht zum Ziel führen, also der Plan, in dem Fall Plan A, dann, so verspricht man, gibt es ja noch Plan B, C, D usw., bis wir schließlich bei Z sind. D. h. aber auch, dass wir auf das moderne lateinische Alphabet „zugreifen“. Man stelle sich vor, dieser kluge Satz ist hinterlegt mit dem hebräischen Alphabet, schwups, und schon haben wir ganze vier Versuche weniger. Geht aber auch anders: Soweit ich weiß, hat das Armenische immerhin 39, da fühle ich mich dann mit nur 26 Versuchen schon fast eingeschränkt.
Soweit immerhin die Theorie. Und ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber mir bleibt Theorie immer wie so ein furztrockenes Knäckebrot im Hals stecken. Wir haben also auf der einen Seite, wahrscheinlich todesmotivierend, die Ansage: „Hey, mach dir nichts draus, wenn dein Basisplan nicht aufgeht, mach einfach weiter, das (wie gesagt, „unseres“) Alphabet hat ja noch 25 weitere Top-Möglichkeiten zur Verfügung, mach einfach weiter!“ Und auf der anderen Seite unsere Notizbücher, in denen das Papier unfassbar geduldig sein muss. Wobei dies eine weitere Theorie ist und ich nicht so sicher bin, dass das Papier bei all den freilaufenden, ungefilterten und endlich sehnlichst den Erfolg verzeichnenden Einzelseiten genauso ist. Persönlich bezweifle ich das.
Aber so ist das mit der Theorie, die steht in Büchern, auf Tafeln, in PowerPoint-Präsentationen und starrt uns an. Wie früher Mama und Papa, mit der Frage hinterlegt, ob wir brav waren. Eine Frage, die sich in unser Gewissen bohrt und immer und immer wieder dieselbe Antwort auswirft: Nö. Warum? Na, weil da auf jeden Fall zumeist und zumindest noch ein Stückerl mehr gegangen wäre. Das denken wir. Was mein Kopferl aber auch protestiert, ist ebenso immer und immer dasselbe, nämlich die Frage, die der Theorie entgegenschallt: „Und wie viele Buchstaben hast du schon so selbstständig durch?“ Ich möchte erwähnen, dass meine Augen die Theorie dabei auch fest und total ernst anschauen. Unnötig zu erwähnen, dass meine Augenbrauen dabei kritisch hochgezogen sind.
Und an der Stelle beginnt der wahre Spaß, nicht bei meinen Augenbrauen, sondern bei der Frage. Denn je nachdem, in welches kluge Buch man schaut, in welcher Präsentation man sitzt oder schlichtweg in welche Gedankenrichtung man sich auf den Weg macht, erzeugt diese Verwirrung. Wir haben auf der einen Seite zumindest 26 Möglichkeiten für neue Pläne. Dann haben wir aber auch den Ansatz, dass wir gar nicht „kämpfen“ sollen, sondern jene Dinge, die „zu uns gehören, kommen auch zu uns“; das Universum sorgt dafür. Und dann der Ansatz, wir sollen „loslassen“: Alles, was wir zu sehr wollen, das lehnt uns ab, will eher weg von uns. D. h., in diesem Bild sind wir so etwas wie die Stalker unserer Ziele, und selbige waren schon bei der Polizei und haben ein Kontaktverbot erwirkt. Und dann haben wir die Theorie, die sagt, dass nur einmal aufschreiben null hilft. Du musst dein Notizbuch bis zum Anschlag belasten und dein Ziel jeden Tag 33-mal aufschreiben, nur dann erfüllen sich deine Ziele. Andere Annahmen meinen, wenn du deine Ziele nicht wirklich als Ziel mit entsprechend hinterlegter SMART-Formel formulierst, wird das gar nichts. Also konkret muss es sein, realistisch und und und.
Wer dann noch Bock hat auf sein Ziel, dem gratuliere ich an dieser Stelle schon mal herzlich. Ich bin eher so auf Kriegsfuß mit der Theorie. Für mich fühlt sich das immer an wie in dem Märchen mit der Prinzessin auf der Erbse. Egal, wie viel Weichmacher ich da drüber lege, sie drückt und kneift mich auf unangenehmste Weise. Sie ist da, macht sich bemerkbar, und ich mag sie nicht. Das Problem an der Sache ist – wie bereits erwähnt –, dass es schon so viele theoretische Ansätze gibt, dass da nicht nur eine Erbse liegt, sondern eine komplette landwirtschaftliche Förderfläche. Jede mit eigenem Konzept, Denken und mindestens einem Workbook, von dessen Cover ein Neuzeitguru lächelt. Die eine Erbse sagt: „Struktur!“ Die Nächste sagt: „Vertrauen!“ Die dritte flüstert: „Loslassen, aber bitte aktiv.“ Und die vierte sagt: „Spür mal rein.“
Und während ich da auf dem Berg von Matratzenlektüre sitze und mich ernsthaft frage, warum all diese festgeschriebene Zielerreichungsromantik sichtlich nur dann „richtig“ ist, wenn sie auch unfassbar bedeutungsschwanger ist, stupst mich mein Plan Q aus dem Hintergrund an, wann wir weitermachen. Versteht mich bitte: So froh ich bin, dass wir im Schlaraffenland der Möglichkeiten, der Vielfalt und der Optionen sind, drückt mich die Erbse schon ganz schön. Es ist diese deutliche „Wenn-dann-Hoffnungsweg-Logik“, die gestreut wird. Wenn du dieses oder jenes machst, denkst oder tust, dann und nur dann erreichst du deine Ziele, Wünsche und alles, was du dir ersehnst. Diese „Geld-zurück-Einbahnstraße“, die uns seltenst auf einer Insel der Selbstbestimmung, sondern eher an der Mautstation zur nächsten Optimierungsschleife landen lässt: Bitte einmal bezahlen mit Selbstzweifel, zwei Stunden Reflexion und dem leisen Gefühl, dass man es wieder nicht ganz richtig gemacht hat.
Und genau da sitzt dann mein Plan Q, irgendwo zwischen Selbstzweifel, Erschöpfung und kaltem Kaffee, hebt schüchtern die Hand und sagt: „Ich will ja nicht stören, aber könnten wir vielleicht einfach weitergehen?“ Einen Schritt. Einen kleinen. Einen, der nicht perfekt ist, aber immerhin meiner. Einen, der vielleicht komplett ausgelatschte Schuhe anhat, einen, der müde ist, aber unterwegs. Nicht das große Ganze. Nicht den heiligen Masterplan. Nicht die 33-fache Niederschrift meines tiefsten Herzenswunsches bei rückläufigem Merkur zum Saturn. Und vielleicht ist das am Ende die unromantischste, aber tatsächlich brauchbarste Theorie von allen: Weitergehen. Denn eines ist sicher: Deine ganz persönliche Entwicklung hält eh Schritt.