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No Pain, no Gain.

Einer dieser vielbegehrten Sprüche. Ich weiß gar nicht, von wem er stammt und wie dieser Mensch dazu gekommen ist, dieses laut schallende Motivationscredo in die Welt zu rufen. Aber ich weiß, dass es sich diese Zeilen wohl im Sport gemütlich gemacht haben. Aber ich möchte heute nicht über sportliche Glanzleistungen sprechen, sondern über Trauma. Und für alle, die jetzt bereits denken: Wie bitte? Ja, ich spreche über Trauma.

Und hätte man diesen Spruch gebeten, sich sein Thema auszusuchen, hätte er sich wohl auch anders entschieden, fürs Erste. Bis ihm wahrscheinlich wie mir selbst bewusst wurde, wie aufwendig Traumaheilung ist und dass – und das habe ich selbst so viele Jahre probiert – es nicht funktioniert, es rational, kognitiv, klug, (über-)denkend anzugehen.

Es zu (zer-)denken ist irgendwie wie Kochen. Du hast da dieses Rezept vor dir liegen und dieses Zielbild vor deiner Nase. Beides zusammen verspricht dir diese wahnsinnig leckere und nährende, fast schon seelenlabende Mahlzeit, die von einem Profi erstellt wurde. Alles, was es braucht, steht klar gelistet. Und du liest diese Zutatenliste aufmerksam, du verstehst sogar, warum genau diese gewählt wurden, die Reihenfolge, die Machart. Du verstehst und bist Organisationsprofi, wenn es um den Einkauf geht. Und dann geht’s ans Kochen. Und auch wenn deine Angaben glasklar sind und du es abertausende Male durchdacht hast, du kommst nicht an die Stelle, wo du dieses leckere, nahrhafte Essen auf den Tisch bringst.

Trauma war oder ist für mich nicht anders. Ich habe immer noch dieses Bild vor meiner Nase, diese geheilte Version von mir, diesen unfassbaren Frieden und die Stille in mir sowie all die klugen theoretischen Bücher und die Profi-Tipps. Und mein Kopf ist klug, ich verstehe das alles, ich habe meinem Kopf beigebracht, fachlich/sachlich zu verstehen, was passiert ist und wie ich funktioniere, wie ich meinen Kopf als Intrusion Detection System einsetze, wie mein Kopf zu meinem größten Beschützer wurde. So viel zu denken gab mir die Kontrolle zurück, die ich verloren hatte. Unnötig zu sagen, dass es eine vermeintliche Kontrolle ist. Man könnte glauben, wenn man so viel über entstandene Verletzungen nachdenkt, ist das Reflexion und bringt einen näher zur Heilung. Ja und nein, wie gesagt, Denken wurde in meinem Leben zum Schutz und gleichsam zur professionellen Distanz. Hey, ich kann genau benennen, worum es geht und was es mit mir macht, ergo geht’s mir gut. Mr. Trauma, der schon als Kind bei mir eingezogen ist und nach und nach seine ganze Familie mitgebracht hat, war fest verankert in meinem Kopf, in meinem Körper und es gibt Momente, da denke ich auch in meinem Herzen. Mein Kopf ist also mein größter Beschützer und mein größter Feind.

Sowohl die meisten Autoren von Traumabüchern als auch die meisten Traumatherapeuten kennen Trauma wie ich aus dem Buch, aber auch nicht wie ich aus eigenem Erleben. Man sagt vielfach: Gut, aber den Abstand braucht es ja auch, sonst könne dich niemand mit der nötigen emotionalen Distanz beraten oder dir gar helfen zu heilen. Ich sage: Bullshit. Okay, ja, da mag ich alleine dastehen. Aber ehrlich, wie willst du mir wirklich helfen, wenn du keinen einzigen Tag je gefühlt hast, wie sich diese Wunde 24/7 anfühlt? Du kannst dich einfühlen, du kennst die Symptome und Stadien, aber erzähle mir nicht, dass du verstehst, was es im Alltag bedeutet. Schrägerweise, weil wir beim Sport waren: Niemand, der ein erfolgreicher Sportler sein möchte, engagiert jemanden, der Sport nur in der Theorie kennt – wenn es um unseren Kopf, unsere Seele geht, aber sehr wohl.

No pain, no gain bedeutet dann, in einem geschützten Rahmen immer wieder ein Döschen Schmerz zu konsumieren, damit man nicht von der Welle überwältigt wird und erfahren und verstehen kann, dass wir nicht mehr an dem Punkt sind, an dem wir waren. Du sitzt also für Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, im Boot mit deinem größten Freund und Feind, während dieses immer und immer wieder überrollt wird von den Gezeiten, von Unwettern, die wieder neue Narben schaffen, aber auch von Sonnenaufgängen auf dem Meer, die alles rundum vergessen lassen, dich wieder atmen lassen und deren Strahlen dein gut geschütztes Herz erreichen. Es gibt Kulturen, die behaupten, dass du dir diese deine Reise selbst aussuchst, um zu wachsen. Ehrlich, ich weiß es nicht. Bin ich gewachsen in all den Jahren? An Stärke, ja. Heute sagt man Resilienz dazu. Also ja, wahrscheinlich. Denn die Wahrheit ist: Es gibt kein Zurück auf „Werkseinstellung“ in deinem Gehirn, in deinem Körper. Das geht gar nicht mehr, denn an den Traumastellen entstehen Vernarbungen und die bleiben. Unser Kopf passt sich an, findet Wege, sich – nun sagen wir – umzusortieren. Aber du kommst nie wieder zum Ausgangspunkt. Du bist anders, ich bin anders. Ich bin nicht heil, nicht geheilt und ich bin nicht kaputt. An manchen Tagen fühlt sich das Anderssein gut an und an anderen nicht so. Ich habe mir dieses Anders nicht ausgesucht, ich habe diese Reise nicht gewollt, aber ich stehe mittendrin mit einem Herzenskompass, der noch immer seinen Weg sucht. Mit Schuhen, die schon etwas runtergelatscht sind. Einem Kopf, der Kontrolle gibt, und einer Seele, die Frieden sucht. Ich habe noch immer keinen blassen Schimmer, worum es bei diesem Abenteuer geht, aber solange ich dieses Zielbild in mir trage, in dem ich wieder eingehüllt bin von vollkommener kindlicher Freude, gehe ich, bin am Weg. No pain, no gain.