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crispy. not everyone needs 360°.

Ich denke, es wird endlich mal Zeit, mich zu outen. Lange habe ich es im Stillen getan, heimlich und alleine zu Hause. Nur hinter verschlossenen Türen: Ich schaue unfassbar gerne Kochsendungen. Was insofern bemerkenswert ist, als ich selbst beim Kochen eher dem Bereich „interessierte Fernbeobachtung“ zuzuordnen bin. Einkaufen? Schwierig. Viele Menschen plus Parkplatzsuchen und Kassenwarteschlangen ergeben für mich ein sehr deutliches: Nein, danke! Verarbeiten? Noch schwieriger. Dauert einfach alles zu lange und was anderen Menschen die totale Befriedigung von Ruhe vermittelt, löst in mir ungefähr so viel Gelassenheit aus wie eine mit Panflötenmusik hinterlegte Warteschleife. Tief in mir will ich mir nur noch die innere Zwiebel abziehen und weinen. Essen? Große Stärke. Love it. Ich bin ein großer Fan von jeglichem Gaumenerlebnis, wenn es folgenden Kriterien standhält: Es muss klar als eine Portion Essen erkennbar sein, mal kurz angedeutet und wieder verschwunden reicht da nicht aus, und es muss mehr Substanz haben als ein, wenn auch biologisch durchaus gesund abbaubares Salatblatt. Und weil wir ja mittlerweile wissen, bin ich eine Wortakrobatin.

Ob ich es lieber crispy, half boiled, medium rare, well done oder sonst irgendwie zwischen „noch lebt es“ und „bitte nicht weiter erhitzen“ hätte, lässt sprachlich ja kaum Wünsche offen. Und obgleich ich an vielen Stellen meines Lebens eher in die Kategorie „Entscheidungsopfer“ gehöre, freut sich meine kognitive Spieleecke viel zu sehr, um auszusteigen, ganz im Gegenteil. Während also meine eine Kopfhälfte ganz bei der Servicekraft ist und fröhlich gustiert, bleibt die andere genau an diesen Garstufen hängen.

Denn mal ehrlich: medium rare, half boiled, well done, overcooked – das ist obendrein auch eine herrliche Zustandsbeschreibung für Menschen. Montagmorgen: half boiled. Nach dem dritten Meeting: overcooked. Kurz vor dem Urlaub: well done. Und dann gibt es diese beneidenswerten Menschen, die um 8:15 Uhr bereits crispy wirken. Nicht zu vergessen jene, die um 22:00 Uhr noch im Büro sind und sprichwörtlich done sind.

Ich stelle mir vor, wie dann im 360°-Leadership-Feedback so etwas steht: Entscheidungssicherheit: medium rare. Kommunikation: half boiled. Selbstreflexion: overcooked. Wobei ja auch das Wording „360°-Feedback“ etwas für sich hat, oder? Erst mal 360° klingt schon verdammt heiß, das gleicht einer Einäscherung. Hier stoppe ich dann auch. Nein, sorry, ich kann nichts für unseren Business-Jargon.

Next: der Temperature Check. Verständlich. Wer lange warmhält, sollte zwischendurch vielleicht auch einmal nachsehen. Freshness ist wichtig. Engagement hat schließlich auch kein Mindesthaltbarkeitsdatum bis 2037.

Und wenn anschließend noch die Leadership Heatmap aufgerufen wird, weißt du: Das Gespräch ist nicht vorbei, du wirst nur anders serviert.

So, und ich gehe jetzt essen. Mahlzeit.