Es wird wieder mal Zeit für eine kleine Märchenstunde, literally. Thema heute: Wünsch dir was. Was so herrlich unschuldig und magisch klingt, ja, das war es mal. In all den Märchen, die uns in Kindheitstagen dargeboten wurden, die heute, so überhaupt noch vorhanden, in Büchern am Dachboden oder im Keller verstauben. Vielleicht neben den Wünschen, die wir damals hatten.
Könnt ihr euch erinnern? Da war Aschenputtel, eine ganze Ansammlung von Magie, der Haselnussstrauch. Ich, als gebürtige Wienerin, weiß weder, wie so was aussieht, noch wo man so nen doofen Strauch findet. Dann die Zauberfee, die kommt und das traurige Aschenputtel in einen strahlend schönen Ballgast verwandelt. Wer mich mal gesehen hat, wie ich früh morgens in Richtung Pferdestall das Haus verlasse, ruft freiwillig die Zauberfee an und bittet um einen Wunsch für mich. By the way – sehr, sehr gerne!
So, weiter im Text, dann hätten wir da noch Rumpelstilzchen, ein Märchen, das bereits den Übergang in die Neuzeit einläutet; ich würde sagen, vielmehr ein „Deal-Märchen“, denn im klassischen Sinn wünscht sich die Müllerstochter ja nichts. Sie tauscht ein, um aus einer misslichen Lage zu kommen. Gut, das lass ich jetzt mal so im Raum stehen. Ein Märchen, bei dem ich sowieso nicht mithalten kann. A) Bin ich, was Stricken, Häkeln oder Ähnliches angeht, eher so sehr wenig talentiert, aber das ist nichts zu meinem B) Namensgedächtnis. Ja, mir würden schon Namen einfallen, da bin ich kreativ, aber dass ich den richtigen treffe. Eher null Chance. Aber warum sage ich, dass diese Geschichte bereits die Neuzeit einläutet? Nun ja, irgendwann haben wir offenbar aufgehört, uns Dinge einfach herbeizuwünschen. Plötzlich brauchte es Gegenleistungen, Bedingungen und vermutlich irgendwo im Hintergrund schon die erste Excel-Liste. Aus „Ich wünsche mir was“ wurde langsam „Was krieg ich dafür?“, und ehe man sich versah, war die Magie im Kleingedruckten verschwunden.
Und dann, schon sehr in der heutigen Zeit angekommen, das Märchen vom Müller und seiner Frau. Da erleben wir Eskalation par excellence. Da sind wir fernab von Briefen an den Weihnachtsmann und jeglicher magischen Fee, hier gibt’s kein Morgen, oder besser gesagt, nur das Morgen. Erst ein besseres Haus, dann ein Schloss, dann Königin sein, dann Kaiserin, dann Papst – und schließlich will sie Macht über Sonne und Mond und letztlich so mächtig sein wie Gott. Na, hoppla, sag ich da nur.
Aber um fair zu sein, Wünschen scheint wirklich irgendwo am Weg die Sternschnuppen verloren zu haben und ist zu richtig komplexer, harter Arbeit geworden. Heute gibt es gefühlt 300.000 Bücher darüber, wie man richtig wünscht – oder wie man heute fachlich korrekt sagt: manifestiert. Man muss den Wunsch exakt formulieren, ihn visualisieren, fühlen, als wäre er schon eingetreten, gleichzeitig aber bitte loslassen, nicht zu sehr wollen, bloß keinen Mangel denken und vermutlich auch aufpassen, dass Merkur nicht gerade rückwärts irgendwo durchs Wohnzimmer fährt, auf der Schaukel Richtung Saturn unterwegs ist. Manche schreiben ihre Wünsche 33-mal an drei aufeinanderfolgenden Tagen auf, andere kleben sich Vision Boards über den Schreibtisch, wieder andere flüstern morgens ihrem Spiegelbild zu, dass der Parkplatz vor dem Supermarkt bereits energetisch auf sie wartet. Manche vergraben sie im Garten, so man einen hat. Andere verbrennen die Wünsche und ab damit, wohin auch immer. So, und wer an der Stelle überhaupt noch Bock hat auf seinen Wunsch, dem rufe ich fröhlich zu, wie die Jugendlichen heute: Gönn dir!
Da bleib ich doch lieber in den Kinderschuhen stecken und hoffe darauf, dass die Zauberfee, auch wenn selbige wahrscheinlich schon im Altersheim sitzt, noch in der Lage ist, das Zauberstäbchen ein letztes Mal für mich zu schwingen. Irgendwie und ganz persönlich halte ich das für den weit realistischeren Weg als nochmals die Tour durch 27 energetisch aufgeladene Notizbücher. In diesem Sinne: Wish you well!