Ich muss gestehen, in letzter Zeit hab ich immer mehr das Gefühl, dass es mir bereits vor dem Frühstück den Vogel rausschießt, wobei ich wohl eher sagen muss: die Kapseln aus dem Regal. Gefühlt war da noch nie so viel Angebot für alles, was ich so haben will oder eben nicht. Und es scheint auch egal, welches Medium ich öffne: Sofort sind am Bildschirm Frauen und Männer, die ihren Blähbauch nicht so riesig gut finden, dafür aber gerne mehr Energie hätten; im besten Fall gibt’s 2 in 1. Es ist wie Körperbingo spielen, und wer zuerst alle Stellen abgedeckt bekommt. Das Angebot ist schier unendlich.
Hyaluronmasken fürs Gesicht, wenn da noch Platz ist, nachdem es sich Nasenpflaster und die Under-Eye-Patches dort schon wohnlich gemacht haben. Garniert wird das mit einer Kinnbandage und noch schlecht maskiert mit LED-Rotlicht. Am besten jetzt so schlafen gehen und morgen aufwachen im neuen Ich. Zumindest für 3,75 Minuten, bis die aufgebaute Spannung nachlässt. Um die 3,75 Minuten auf die gewünschten 24 Stunden auszudehnen, gibt’s dann noch ergänzend Pulver und Kapseln. Denn wenn man seine Hausaufgaben gemacht hat, weiß man: Nur außen hilft halt einfach nichts.
Das war jetzt aber erst das Gesicht. Der Mensch ist inzwischen kein Körper mehr, sondern ein Mehrzonenprojekt. Es wäre ja unfair, nur Stirn, Kinn und Augen zu versorgen und den Rest quasi einfach nur sich selbst zu überlassen. Ich habe inzwischen den Eindruck, mein Körper besteht weniger aus Organen als aus Zuständigkeiten. Persönlich bin ich unsicher, ob ich mich noch pflege oder bereits verwalte.
Was einst klar und übersichtlich war, ist mittlerweile die Kaffeebestellung im Highend-Coffeeshop um die Ecke: groß, aber nicht zu groß, Hafer oder Mandel, halb entkoffeiniert, extra heiß oder doch nur warm, mit Schaum, wenig Schaum oder gar keinem, ein oder zwei Shots, Zucker, Sirup oder lieber ohne, Vanille, Karamell oder Haselnuss, Zimt obendrauf, Topping ja oder nein, im Becher, im Glas oder to go, mit Deckel, ohne Deckel und Name drauf bitte auch noch. Leute, ich bin raus. Bei mir will spätestens bei der Hafermilch mein weniger sozial taugliches Ich raus und schreien: „Scheiße, einfach nur einen Kaffee.“
Als ob es dann erledigt wäre, denn was sowohl im modernen Café ums Eck die Gemüter erzürnt als auch beim Supplement-Regal des Vertrauens, ist dann auch noch die Frage, wo die heiße Ware überhaupt herkommt. Während die einen rund um die Rösterei sich bündeln zu unbedingt Bio-Weidenkuh, stehen die anderen klar positioniert hinter der Hafermilch, aber nur die von Hersteller X. Hingegen schwören die einen auf Kollagen aus Wildfang, handgefangen an der fjordischen Küste, während die nächste Gruppe nur Pulver akzeptiert, das laborgeprüft, rückverfolgbar, möglichst regional und gefühlt persönlich vom Hersteller verabschiedet wurde.
Spätestens vorm Supplement-Regal fühle ich mich ein bisschen wie Neo damals in Matrix. Rote Kapsel oder blaue Kapsel? Morpheus war damals immerhin so gnädig und beschränkte die Auswahl auf zwei bunte Pillen. Ich stehe heute vor der Lebensentscheidung Rot, Blau, Grün, Beige, vegan, liposomal, hochdosiert, bioverfügbar, morgens, abends, nüchtern oder bitte keinesfalls gemeinsam mit Kaffee.
Und während ich noch überlege, was jetzt die korrekte Reihenfolge ist, merke ich, wie ich generell an meinem Leben zweifle und mich ernsthaft frage, wie das Gleiche so in der Rolle eines fröhlichen Grashüpfers ausgesehen hätte: einmal kurz am Grashalm geknabbert, drei Meter weitergehüpft und dabei vollkommen unbelastet von Bioverfügbarkeit, Herkunftsnachweisen und der Frage, ob das eigene innere Leuchten vielleicht doch nur Vitamin-D-Mangel ist.
Ich sag’s mal so, ich bin angestrengt. Aber nicht die gute Anstrengung, die man so empfiehlt: 10.000 Schritte am Tag, zweimal Krafttraining, einmal Ausdauer, ein bisschen Mobility, ordentlich dehnen und irgendwo dazwischen noch so tun, als wäre Spazierengehen Erholung und nicht bereits Punkt dreihundertneunundneunzig auf meiner Wochenliste. Denn eines ist auch sonnenklar: Ich brauche mittlerweile einen Habit-Tracker, eine Fitness-App und einen Schlafkalender, um mein Leben so zu koordinieren, dass ich nicht versehentlich entspanne, während eigentlich schon mein nächster Shake vorgesehen wäre.
An dieser Stelle werden mir zwei Dinge schmerzlich bewusst, streng genommen drei. Erstens: Nicht nur ich, sondern auch mein Geldbörsel ist längst regenerationsbedürftig. Zweitens: Offenbar gleiche ich einer Wartungsliste eines Hochhauses. Und letztlich wird mir bewusst, wie beneidenswert geil es doch der Grashüpfer haben muss. Ich sehe gerade, dass ich los muss. Meine App meldet sich.