Ich kann mich erinnern: Als ich klein war, gab es noch diese Filmspulen, welche man in ein mega großes Gerät einlegen konnte. Vom Ton hat man nicht mehr allzu viel gehört, denn da war dieses super laute Tackern beim Fortbewegen der Spule und dieser eigenartige Geruch, der entstand, weil das Gerät gekühlt wurde.
Die Menschen und Szenen in den Aufnahmen hatten fast etwas Roboterhaftes, da die Technik noch recht ausgefeilt war. Aber immerhin sah man sich in den Kameraaufnahmen, verfolgte aufmerksam vorher so festgehaltene wichtige Erlebnisse. Damals wie heute fühlte, man sich instantly wieder genau dort, genau dann. Fühlte was man damals fühlte. Fast immer glückliche Momente. Ich bin mir fast sicher, dass auch heute noch in einigen Kellern oder auf einigen Dachböden diese Filmspulen herumliegen, ungesehen und vergessen, die damals so wichtig schien.
Ich beschäftige mich schon so lange mit ungesehenen Menschen, Lebewesen, Momenten, die nicht gesehen oder übersehen werden. Klar, es ist immer unser eigenes Leben, unsere Erfahrungen, unsere eigenen Erlebnisse und Schmerzpunkte, die uns formen, die Welt mit ganz eigenen Augen zu betrachten. Es ist wie ein individueller Filter, der nur bei dir funktioniert und der über alles andere darübergelegt wird. Naja, und irgendwie wirst du diese spezielle Sichtweise auch nicht mehr los. Diese Superkraft gehört dann dir, forever and ever. Wie ein Abo, dass du nicht mehr kündigen kannst.
Man könnte ja meinen, dass die „Gabe“ doof sei, im Sinne von: Was habe ich davon? Ich sehe/helfe/höre nun andere, aber was ist mit mir? Aber es gibt Menschen, die behaupten, dieser Spezialeffekt hat noch einen tollen Nebeneffekt, die eigene Heilung. Angeblich ja, jedes einzelne Mal, wenn man jemand anderen sehen/hören/helfen, heilt auch das eigene Innere. Wie gesagt, angeblich. Andere wieder behaupten, dass ich, solange ich selbst nicht heil bin, diesen eigenen Filter über meinen Augen habe, auch nie in der Lage sein werde, den Film so zu sehen, wie er tatsächlich ist. Vielleicht ist es ja wie bei allen anderen Dingen. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo tief in der Mitte vergraben und was für den einen passt, muss für jemanden anderen noch lange nicht stimmen.
Ich habe in letzter Zeit über meinen Filter nachgedacht. Andere(s) zu sehen, dass übersehen wird. Aber noch viel mehr, ob es mir persönlich wirklich darum geht, gesehen zu werden. Also als Mensch, als Frau. Und siehe da unter der langen Liste von Hin- und Her-Gedanken, alles feinsäuberlich aufbereitet und durchgekaut stand NEIN. Und glaubt mir, das hat mich ebenso überrascht wie wahrscheinlich viele andere. Persönlich ist es mir sogar recht, wenn niemand so genau weiß, wie ich aussehe. Es ist sogar mehr als fein für mich, wenn man meinen Namen nicht kennt. An der Stelle war es das dann mit „Berühmt sein“.
Was ich aber als sehr schön, sehr erstrebenswert, oder direkter gesagt als sehr geil fände, ist: wenn die Art, wie ich die Welt sehe, irgendwo gefangen in den verrückten Welten von Mary Poppins, Pippi Langstrumpf, Dorothy, Mr. Emotionaler Tiefgang: Paulo Coelho und meinem eigenen Dauerrädchen im Kopf gesehen wird. Die kleinen roten Clownspürnasen, die ich wie Hänsel und Gretel auf meinem Weg fallengelassen habe. Weniger, damit ich den Weg zurückfinde, aber vielleicht, damit andere auf ihrem Weg dort und da ein kleines Schmunzeln finden.
Was brauchen richtig gute Filme also, um nicht irgendwann in unseren Kellern und Erinnerungen zu verstauben? Nun, sie wollen gesehen werden und brauchen, ganz wichtig, ein Happy End.