Für mich fühlen sich Business-Gespräche oft an wie früher Mathe-Klausuren. Konkret, Textbeispiele, in denen ein Zug um 8 Uhr mit 80 km/h von Wien nach Graz fährt. In dem Zusammenhang muss wohl „Ich verstehe nur Bahnhof“ entstanden sein. Mein Zug ist jetzt seit 30 Jahren unterwegs. Keine Ahnung, wo der jetzt ist und die Frage des Tages: „Wie schnell der unterwegs war oder ist?“ In jedem Fall rollt er unaufhörlich durch unsere Gespräche, E-Mails, Vorträge, Seminare, Beiträge und Trainings tagtäglich mit einem Affentempo durch.
Und ja, ich verstehe die Wörter und wo sie „wegfahren“. Was ich aber bis heute nicht verstehe, ist, warum diese unterwegs offenbar noch einmal gestärkt, gebügelt und auf Hochglanz poliert werden, bevor sie den Sprachtunnel verlassen. Ich möchte die Inhalte & deren Wichtigkeit keinesfalls schmälern, aber an welcher Haltestelle ist das Szenario zu einem „Moment, meine Fachkompetenz und mein jahrzehntelanger Erfahrungsinput fehlen hier noch“ geworden? Oder, um es mit meinen Worten zu sagen: An welcher Stelle ist der Zug eigentlich falsch abgebogen? Wann musste jedes einzelne Wort, das wir in unserem „Professional Environment“ verwenden einen Masterabschluss, drei Referenzen und vier Jahre nachweisbare Praxis vorweisen, bevor es den Status „proofed“ und ein blaues Häkchen bekommt?
Vielleicht ungefähr dort, wo Zuhören – ich würde wieder sagen „Lauscher auf halb acht stellen“ – zu „Active Listening“, gemeinsames Nachdenken zu „Co-Creation“ oder wieder in meinen Worten „gedanklich querlutschen“ und wie wir einander im Unternehmensflur begegnen, zur wertebasierten Unternehmenskultur mit Psychological Safety erklärt wurde. Dort, wo die Pause aus dem Work-Life-Balance-Spieleparadies abgeholt werden möchte, aus dem Bullshit Mountain des Lebens Resilienz und aus der schlichten Frage „Wie geht es dir heute?“ ein Mental-Health-Check-in wurde. Und ne, wir sind noch nicht angekommen: Wir teilen Wissen, betreiben dabei Knowledge-Sharing, helfen einander im Rahmen gelebter Kollaboration und setzen dabei klare Boundaries, wobei jetzt auch nicht zu klar, sonst schreit die Team-Kompatibilität laut auf. Wem diese Sprachkost auch so hart und bröselig vorkommt wie Knäckebrot, dem rufe ich ganz auf „Anheizer“-Art zu: „Schnallt euch an, haltet euch fest, eine Runde geht noch!“ Und sie ist bereits bis auf den letzten Platz gebucht: mit Purpose, Ownership, Empowerment, Awareness, Alignment, Agilität, Ambiguitätstoleranz und selbstverständlich einem Growth Mindset. Und wer sich zwischendurch einmal ein Päuschen gönnen möchte, einfach mal entspannt einen Gedanken verfolgen, befindet sich vermutlich bereits in einer Phase des Deep Work oder wird vom Flow eingeholt, im Zweifelsfall beides.
Alles supidupi nachvollziehbar, oder? Seid ihr noch dabei? Ich an dieser Stelle: Weiß noch immer nicht, wo der Zug falsch abgebogen ist, aber ich kenne die Haltestellen oder die Bahnhöfe, über die der Zug murmeltierartig fährt, ziemlich gut. Da war Fachbegriffsdorf, Anglizismen City, dann noch durch Fremdwörterleiten und letztlich über den Buzzwordfriedhof. Tata. Da wären wir!
Ich halte fest: Unser Wortschatz ist also deutlich gewachsen, hat inzwischen drei Doktortitel, Auslandserfahrung, fährt gedanklich sozusagen ausschließlich erster Klasse. Und jetzt die durchaus freche Frage meinerseits: Was würde passieren, wenn nicht? Was, wenn ein Satz nicht perfekt sitzt? Wenn wir statt eines rundum glattgebügelten Wortschatzes einfach mal zerknittert auf die Unternehmensbühne treten – ganz ohne Keynote, Kompetenzmodell und sprachliche Sitzplatzreservierung? Was würde passieren? Nun, bis es da mehr Awareness gibt, schau ich, wo der Zug abgeblieben ist, den ich seit gefühlt 1980 suche. Have a nice journey!